Gottesdienst zur Bundesversammlung

Martin Dutzmann

12. Februar 2017

Matthäus 20, 1-16

Gnade sei mit euch und Friede…

Liebe Gemeinde,

die biblische Geschichte, die wir vorhin gehört haben, mag uns als das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg geläufig sein. Tatsächlich ist sie aus der Perspektive der Arbeiter erzählt, die unterschiedlich lange im Weinberg arbeiten und dann auf so merkwürdige Weise entlohnt werden. Am Ende steht die Frage, ob sie eigentlich gerecht behandelt werden. Und es geht ums Grundsätzliche: Was ist eigentlich Gerechtigkeit? Und um Gefühle: um Freude und Dankbarkeit, um Missgunst und Neid.

Man kann die Geschichte allerdings auch als das Gleichnis vom guten Hausherrn lesen. Von einem, der souverän Entscheidungen trifft. Der ungewöhnlich handelt. Der dabei Widerspruch und Ärger nicht scheut. Der festgefahrenen Einstellungen in Frage stellt und den Blick für Neues öffnet. Ich möchte Sie heute Morgen bitten, sich mit dieser Perspektive auf die Gleichniserzählung Jesu vom guten Hausherrn einzulassen.

„Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.“ Der Hausherr, offenkundig ein betuchter und wohl auch angesehener Mann, verlässt seine Villa, um höchstpersönlich Arbeiter einzustellen. Nötig hat er das nicht. Im Verlauf der Geschichte erfahren wir, dass er einen Verwalter hat, den er hätte schicken können. Aber das tut er nicht, sondern begibt sich selbst auf den Markt. Begibt sich dorthin, wo die Menschen kaufen und verkaufen: Datteln und Feigen, Gemüse und Brot, auch Schafe, Ziegen und Hühner – und ihre Arbeitskraft. Und Neuigkeiten tauschen sie aus: über Unglücksfälle und Krankheiten, Todesfälle und Geburten, Nachbarschaftsstreitigkeiten und Geschäfte. Kurzum: Der Hausherr sucht die Menschen dort auf, wo sie leben. Selbstverständlich ist das nicht, dass eine hoch gestellte Persönlichkeit so nahbar ist. Der Mann scheint verstanden zu haben, dass er den anderen Menschen nichts voraushat. Dass sein Geld und Gut, sein Weinberg und sein Ansehen ihn nicht zu einem besseren Menschen machen.…

„Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.“ Der Hausherr ist nicht nur nahbar, er verhält sich auch fair. Einen Silbergroschen braucht nämlich ein Tagelöhner, um zusammen mit seiner Familie einen Tag lang über die Runden zu kommen. Gut, wenn Menschen in höherer und höchster Position wissen, was die brauchen, die weniger privilegiert sind. Gut, wenn solche, denen es gut geht, sich dafür interessieren, wie die dran sind, die ums Überleben kämpfen…

Drei Stunden später. Wieder erscheint unser Protagonist auf dem Marktplatz. Die Trauben im Weinberg sind reif und dürfen nicht verderben, aber es sind noch nicht genügend Erntehelfer da. Wieder findet der Hausherr Arbeiter, doch gestaltet sich die Preisabsprache jetzt anders als am frühen Morgen: „‘Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. ‘ Und sie gingen hin.“  Zwischen dieser kurzen Szene und modernen Tarifverhandlungen liegen Welten, aber eines ist deutlich: Der Hausherr ist glaubwürdig. Die Arbeiter vertrauen darauf, dass auf sein Wort Verlass ist…

Noch dreimal begibt sich der Hausherr auf den Marktplatz. Der Druck ist hoch, die Arbeit mit den vorhandenen Kräften nicht zu schaffen. Beim letzten Mal fragt er die Männer, die er noch auf dem Marktplatz antrifft: „Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?“  Ist das ein Vorwurf? Oder ist die Frage Ausdruck von Empathie und Sorge? „Wie kommt es, dass ihr immer noch keine Arbeit gefunden habt? Ihr könnt ja heute gar nicht mehr genug Geld verdienen, um für eure Familien und euch selbst zu sorgen!“ Nach allem, was wir bisher über diesen Hausherrn wissen, spricht viel dafür, dass seine Frage so gemeint ist …

Am Abend ist Dienstschluss und es wird abgerechnet. Die Arbeiter, die nur eine Stunde im Weinberg arbeiten konnten, erhalten den Lohn für einen ganzen Tag: einen Silbergroschen. Sie sind erleichtert: An diesem Tag, der so entmutigend begonnen hat, werden sie Frau und Kinder satt kriegen und sonstige notwendige Ausgaben tätigen können.  Kurz darauf nennt der Hausherr selbst seine Entscheidung „gütig“. „Gut“, steht im griechischen Text. Das Wort „gut“ gefällt mir in diesem Zusammenhang besser als das „gütig“ der Lutherübersetzung. „Gütig“ erinnert mich zu sehr an einen Opa, der den Enkeln etwas zusteckt und ihnen liebevoll übers Haar streicht. Aber das trifft es hier nicht. Hier trifft einer eine gute Entscheidung. Gut, weil durch sie Menschen bekommen, was sie zum Leben brauchen…

Danach erhalten alle anderen Arbeiter ihren Lohn. Für jeden gibt es einen Silbergroschen. Das wiederum gibt, wie nicht anders zu erwarten, Ärger. Die, die den ganzen Tag gearbeitet haben, murren: „Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben!“  Tatsächlich hat der Hausherr die Arbeiter einander gleichgestellt. Er hat sie einander gleichgestellt, weil sie alle die gleiche Würde haben und weil deshalb kein Mensch unter die Räder kommen darf. „Das ist ungerecht!“ rufen die Ganztagsarbeiter empört. Aber was wäre die Alternative gewesen? Ein zwölftel Silbergroschen für die zuletzt Eingestellten? Dann wären an diesem Tag viele Mägen leer geblieben. Und es wäre der soziale Friede gefährdet, der nur dort gedeiht, wo alle auskömmlich entlohnt werden.

Zuletzt weist der Hausherr die Beschwerdeführer zurecht: „Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?“ Mit diesen Fragen entlässt der Hausherr die murrenden Arbeiter aus seinem Weinberg. Sie sollen über sich selbst und ihre Mitmenschen nachdenken. Sie sollen ihre Einstellung überprüfen und sich neu orientieren und so zum gesellschaftlichen Frieden beitragen.

Viele Ausleger und Prediger dieser Gleichniserzählung erkennen in dem guten Hausherrn Gott selbst. Das ist naheliegend: Der Hausherr im Gleichnis verlässt seine Villa und geht dahin wo die Menschen sind. Das erinnert an die Weihnachtsbotschaft: Gott ist zu uns Menschen gekommen, hat sich nahbar und ansprechbar gemacht. Der Hausherr in der Erzählung weiß, was die Arbeiter zum Leben brauchen - einen Silbergroschen. Das lässt uns daran denken, dass Gott sich leidenschaftlich für uns interessiert und dass er es nicht aushält, uns in Not zu sehen. Der Hausherr im Gleichnis ist glaubwürdig. Das erinnert uns daran, dass wir Gott vertrauen und uns fest auf ihn verlassen können. Und schließlich: Der Hausherr im Gleichnis nötigt die Arbeiter, ihre Einstellung zu überprüfen und sich neu zu orientieren – so wie Gott uns durch seine Gebote Orientierung gibt. Besonders durch das Gebot der Nächstenliebe. Mit seiner Gleichniserzählung vom guten Hausherrn erinnert Jesus uns also daran, dass wir von Gott gesehen und gehalten sind und dass er uns Orientierung gibt. Kann es in dieser unruhigen Zeit und dieser aus den Fugen geratenen Welt eine bessere Botschaft geben als diese?

Es scheint nun allerdings, als sei dies nicht die einzige Botschaft des Gleichnisses. Ich denke, dass wir alle das empfunden haben, als wir uns soeben das Verhalten des Hausherrn vor Augen führen ließen. Manche von uns werden da an das Staatsoberhaupt gedacht haben, das die Bundesversammlung heute wählen wird. Viele Bürgerinnen und Bürger unseres Landes hoffen sehr, dass der Gewählte dem Hausherrn aus der Gleichniserzählung gleichen möge, und das wäre ja auch wirklich schön.

Aber Vorsicht! Auch ein Staatsoberhaupt ist und bleibt ein Mensch mit Stärken und Schwächen, mit Gaben und Fehlern, mit guten und mit schlechten Tagen. Deshalb sind wir hier zum Gottesdienst versammelt und bitten Gott, dass er den künftigen Bundespräsidenten mit dem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit beschenke.

Außerdem: Auch wenn der Hausherr im Gleichnis eine einzelne Person ist, so fordert seine Haltung doch alle heraus, die in der Gesellschaft Verantwortung tragen: Eltern mögen von ihm lernen, eigene Wünsche an Sohn oder Tochter zurückzustellen und darauf zu achten, was ihr Kind wirklich braucht. Lehrerinnen und Lehrer mögen an dem Hausherrn Maß nehmen und ihren Schülerinnen und Schülern nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch ihre Einstellungen prägen. Männer und Frauen in politischer Verantwortung mögen dem Hausherrn aus dem Gleichnis seine Nahbarkeit abschauen und sich daran erinnern lassen, dass es darauf ankommt, glaubwürdig zu sein. Menschen, die politisch oder im konkreten Einzelfall darüber entscheiden, wer dauerhaft in unserem Land leben darf, mögen sich von dem Hausherrn daran erinnern lassen: Jeder Mensch hat die gleiche unantastbare Würde.

Zum Schluss sei noch ein Blick auf den Anfang der Gleichniserzählung vom guten Hausherrn geworfen: „Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn…“  heißt es da. Ich verstehe das so: Das Himmelreich bricht an, wenn die Geschichte vom guten Hausherrn uns heute in unserem Glauben stärkt. In dem Glauben, dass Gott wie der gute Hausherr uns Menschen nahe ist und uns trägt. Und: Es ist himmlisch, wenn Menschen nach dem Vorbild des guten Hausherrn aufeinander achten und füreinander da sind.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

AMEN