Missbrauch

Vereinbarung Unabhängiger Beauftragter - EKD

Vereinbarung zur Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch vom 18. Juni 2012

I. Verantwortungsgemeinschaft zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt

Der von der Bundesregierung im März 2010 eingesetzte Runde Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich“ hat am 30. November 2011 mit seinem Abschlussbericht eine Vielzahl von Empfehlungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt und für immaterielle und materielle Hilfen für von sexualisierter Gewalt Betroffene beschlossen. Mit diesen Empfehlungen wurde die Basis für einen anspruchsvollen Umsetzungsprozess gelegt, der jedoch nur gelingen kann, wenn Verantwortungsträger in Politik, Gesellschaft und Kirche sich verpflichten, diese Empfehlungen konsequent, transparent und zeitnah zur Anwendung zu bringen.

Mit Verabschiedung des Abschlussberichtes des Runden Tisches und durch Beschluss der Bundesregierung vom 7. Dezember 2011 wurde der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) beauftragt, die Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches zu unterstützen, zu beobachten und hierüber in regelmäßigen Abständen zu berichten. Mit dem Abschluss seiner Arbeit Ende 2013 wird der Unabhängige Beauftragte Empfehlungen an die Politik richten, in die auch die Erkenntnisse aus diesen Umsetzungsprozessen einfließen werden.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), vertreten durch Prälat Dr. Bernhard Felmberg, Bevollmächtigter des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, hat sich – neben weiteren Vertretungen aus allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen und der Wissenschaft – aktiv an der Erarbeitung der Empfehlungen des Runden Tisches beteiligt.

Die EKD ist die Gemeinschaft der lutherischen, unierten und reformierten Landeskirchen in Deutschland. Das evangelische Kirchenwesen ist föderal aufgebaut. Die Gliedkirchen sind in ihrem Wirken selbständig. Die EKD hat keine Aufsichts- und Durchgriffsrechte.

Die EKD übernimmt beim Thema „Sexueller Missbrauch“ Koordinierungsaufgaben für die Gemeinschaft der Gliedkirchen. Die Aufgaben der Prävention, Intervention und Hilfe obliegen den Gliedkirchen. Diese haben bereits wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen und Verfahrensweisen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt implementiert.

Die EKD und UBSKM stimmen darin überein, dass unabhängig von der Arbeit des Runden Tisches der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt weiterhin wirksam und nachhaltig verbessert werden muss.

Die EKD ist an einer nachhaltigen Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches durch alle Umsetzungsverantwortlichen interessiert, um den notwendigen Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt im Bereich der evangelischen Einrichtungen und des gemeindlichen Lebens zu gewährleisten, aber auch um zu gewährleisten, dass Kinder und Jugendliche, die Missbrauch in der Familie und in anderen Bereichen erfahren, in evangelischen Einrichtungen und Gemeinden vertrauensvolle und kompetente Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner finden.

Die EKD wird sich dieser Aufgabe auch nach Beendigung des Runden Tisches weiterhin engagiert widmen. Die EKD wird hierfür kooperativ mit dem UBSKM zusammen arbeiten und diesen bei seiner Arbeit in den Jahren 2012/2013 unterstützen.

Innerhalb dieses Kooperationsbündnisses ist zu beachten, dass die EKD aufgrund ihres föderal strukturierten evangelischen Kirchenwesens keine Vereinbarungen treffen kann, die die Selbständigkeit der Gliedkirchen berühren. Die vorliegende Erklärung bezieht sich daher ausschließlich auf die Verständigung über Unterstützungsleistungen durch die EKD. Die EKD hebt in diesem Zusammenhang die Maßnahmen der Gliedkirchen für die Verankerung wirkungsvoller Präventionsmaßnahmen in kirchlichen Arbeitsfeldern, Einrichtungen und Gemeinden hervor. Die Kirchenkonferenz hat bekräftigt, dass diese Maßnahmen ausgeweitet und vertieft werden.

II. Aktivitäten der EKD zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt

In Arbeitsfeldern, in denen professionelle persönliche Beziehungen im Zentrum der Tätigkeiten stehen, besteht das Risiko, dass die zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und Erwachsenen bestehenden Machtdifferenzen und Vertrauensverhältnisse für sexuelle Übergriffe ausgenutzt werden können. Daher sind fachliche Mindeststandards zur Verbesserung der Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt auch in evangelischen Einrichtungen und für die Gemeindearbeit notwendig.

Unter diesem Gesichtspunkt hat die EKD den Gliedkirchen bereits 2002 als Ergebnis einer gliedkirchenübergreifenden Arbeitsgruppe, „Hinweise für den Umgang mit Fällen von Pädophilie und sexuellem Missbrauch Minderjähriger bei Mitarbeiter/innen der evangelischen Kirche“ zur Verfügung gestellt, die in einer neu aufgelegten Fassung (2010) auch für den Umgang mit Kinderpornographie Anwendung finden. Eine Erweiterung der „Hinweise für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung“ wird derzeit entwickelt. Diese Hinweise sollen allen Gliedkirchen als Empfehlungen für Verfahrensweisen dienen und orientieren sich hierfür u.a. an den „Leitlinien zur Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden“ des Runden Tisches.

Die EKD sieht sich in besonderer Weise verpflichtet, die Gliedkirchen dabei zu unterstützen, die den Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen anvertrauten Kinder und Jugendlichen wirkungsvoll vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Als unmittelbare Reaktion auf das Bekanntwerden von Missbrauchsfällen und als Hilfsangebot für Betroffene, richtete die EKD 2010 vorübergehend hierfür eine telefonische Beratungshotline ein.

Die Gliedkirchen gehen ebenfalls bereits entsprechend pro-aktiv mit dem Thema um. Es wurden zu diesem Zweck bundesweit Ansprechpersonen benannt und Ansprechstellen für Betroffene von sexualisierter Gewalt im kirchlichen Kontext eingerichtet. Darüber hinaus wurden notwendige Strukturen auf- und ausgebaut, die die Entwicklung und Umsetzung nachhaltiger Präventionsmaßnahmen und Handlungsstrategien ermöglichen.

Im Rahmen der Konferenz „Prävention, Intervention und Hilfe bei Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung“ (PIH-K), findet ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch zwischen den Fachkräften aus den Gliedkirchen der EKD statt. Hier bietet sich eine Plattform, um die in den Gliedkirchen bereits vorhandenen Präventionsanstrengungen und Materialien zu bündeln, best-practice-Modelle zu entwickeln, einheitliche Standards sicher zu stellen und Synergieeffekte zu nutzen. In diesem Zusammenhang wurde von der EKD eine Stelle „Prävention, Intervention und Hilfe bei Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung“ im Kirchenamt geschaffen, die die Arbeitsprozesse der Gliedkirchen unterstützt und als Koordinierungs-, Vernetzungs- und Referenzstelle dient.

Auch in den kommenden Jahren werden die Gliedkirchen und Gemeinden durch die EKD bei den Umsetzungsanstrengungen in ihren Verantwortungsbereichen nach Kräften unterstützt werden, z.B. durch:

  • Entwicklung von einheitlichen Qualitätsstandards;
  • Unterstützung der Gliedkirchen bei der (Weiter-)Entwicklung von Informationsmaterialien und Handreichungen (Präventionsleitfäden, Hinweise für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung; Hilfen zur Traumabewältigung in Gemeinden, etc.);
  • Modulentwicklungen zum Thema sexualisierte Gewalt für die Aus- und Fortbildungen von Haupt– und Ehrenamtlichen im Kirchendienst;
  • Information über Präventionsmaterialien, Forschungsprojekte, Fortbildungsangebote und Fachtagungen;
  • Vernetzung innerhalb der Gliedkirchen sowie mit externen Fachleuten;
  • Öffentlichkeitsarbeit und Kooperation;
  • Einbindung der Anliegen des UBSKM in Medien, Gremien, Fachtagungen.

Die EKD nimmt durch ihre Aktivitäten bereits jetzt in ihrem Zuständigkeitsbereich ihre Verantwortung zur Umsetzung der „Leitlinien zur Prävention und Intervention sowie zur langfristigen Aufarbeitung und Initiierung von Veränderungen nach sexualisierter Gewalt durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Institutionen“ (Ergebnisse der Arbeitsgruppe I Anlage 3 in Verbindung mit Anlage 4 des Abschlussberichts des Runden Tisches) wahr. Dem Anliegen einer langfristigen Aufarbeitung von Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung in Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen ist die EKD durch die Entwicklung einer „Orientierungshilfe zu Unterstützungsleistungen für Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs in Anerkennung ihres Leids“ sowie durch andere bereits angestoßene Maßnahmen nachgekommen. Die EKD informiert den UBSKM über den Fortschritt entsprechender Handreichungen und Leitfäden und stellt sie nach deren Veröffentlichung zur Verfügung.

III. Monitoring und Berichterstattung gegenüber dem Runden Tisch

Ende 2012 wird der Runde Tisch erneut zusammenkommen, um den Umsetzungsstand seiner Empfehlungen zu überprüfen. Der UBSKM wird in diesem Rahmen seinem Auftrag nachkommen, dem Runden Tisch über den Verlauf und Fortschritt der Umsetzung zu berichten. Das zu diesem Zweck eingerichtete Monitoring wird sich auf die Implementation der Leitlinien zur Prävention und Intervention sowie zur langfristigen Aufarbeitung konzentrieren.

Die EKD wird die Berichterstattung des UBSKM gegenüber dem Runden Tisch im Rahmen ihrer Möglichkeiten u.a. mit den nachfolgenden Maßnahmen unterstützen.

1. 
Überblick über bereits erfolgte Umsetzungsmaßnahmen

Die EKD wird den UBSKM bei der Erstellung eines umfassenden Überblicks bestehender Umsetzungsmaßnahmen der Empfehlungen des Rundes Tisches unterstützen. Dazu wird die EKD den UBSKM über die in den Gliedkirchen und Gemeinden bereits zur Anwendung gebrachten Präventions- und Interventionskonzepte zum Schutz vor sexualisierter Gewalt informieren und vorhandenes Material zur Verfügung stellen.

2. 
Befragungen in 2012 und 2013

Die EKD wird den UBSKM dabei unterstützen, in 2012 und 2013 je eine schriftliche bzw. eine Online-Befragung zur Umsetzung der Leitlinien zur Prävention und Intervention sowie zur langfristigen Aufarbeitung im Bereich des gemeindlichen Lebens
durchzuführen.

Die EKD wird das Vorhaben des UBSKM hierfür in die relevanten kirchlichen Gremien tragen und für die Beteiligung der Gliedkirchen am Monitoring werben. In diesem Kontext hat die EKD bereits um die Unterstützung der Gliedkirchen bei der praktischen Durchführung des Monitoring in den zu befragenden Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen gebeten. Die Gliedkirchen haben hierzu im Beschluss der Kirchenkonferenz am 22. März 2012 grundsätzlich in Aussicht gestellt, mit den Unabhängigen Beauftragten im Hinblick auf das geplante Monitoringvorhaben zusammenzuarbeiten.

Die EKD beteiligt sich darüber hinaus an einer den Monitoring-Prozess begleitenden Arbeitsgruppe und unterstützt so wichtige Arbeitsschritte wie die Entwicklung des Fragebogens, die Diskussion und Interpretation der Ergebnisse sowie die Vorbereitung des Untersuchungsberichts. Im Hinblick auf die Ergebnisinterpretation werden auch solche Einflussfaktoren berücksichtigt, die sich u.a. aus den kirchenstrukturellen Gegebenheiten sowie aus der Kürze des Umsetzungszeitraums der Empfehlungen des Runden Tisches ergeben.
Der UBSKM sichert Anonymität der Datenerhebung, Auswertung und Ergebnisdarstellung zu und stimmt das Verfahren des Datenschutzes mit der EKD ab. Die Ergebnisse des Monitorings werden frühzeitig vor Veröffentlichung an die EKD zur Kenntnisnahme übermittelt, nach der Veröffentlichung werden die Daten in aggregierter Form zur weiteren Verwendung zur Verfügung gestellt.

Gültigkeit der Vereinbarung

Die Kooperationsvereinbarung tritt mit Unterzeichnung durch die Beteiligten in Kraft. Entsprechend der Amtszeit des UBSKM endet die Vereinbarung mit dem Ende der laufenden Legislaturperiode, spätestens zum 31.12 2013.


Berlin, den 18. Juni 2012

Johannes-Wilhelm Rörig
Unabhängiger Beauftragter für Fragen
des sexuellen Kindesmissbrauchs  

Prälat Dr. Bernhard Felmberg
Bevollmächtigter des Rates der EKD bei der
Bundesrepublik Deutschland und der EU



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