Intensive Vorbereitung auf die Kita

Drei Mitarbeiterinnen eines Familienzentrums über die Integration von Flüchtlingskindern in der Kita

17. Januar 2017

Kind hält eine Weltkugel. (Pixabay/artistlike)
Symbolbild: Kind hält Weltkugel in der Hand. (Foto: Pixabay/artistlike)

Wie läuft Integration in der Kindertagesstätte ab? Drei leitende Mitarbeiterinnen des interkulturellen
Familienzentrums tam
in Berlin-Kreuzberg sprechen über die besondere Situation von Flüchtlingskindern: Ulrike Koch, Leiterin des Familienzentrums, Annett Neumann, Kita-Leiterin im Familienzentrum und Sükran Topuz, Projektleiterin "Familija" und "Integrationslotsen".

Ihr Familienzentrum hat verschiedene Bereiche. Welche sind das?

Ulrike Koch: Das Herzstück ist ein Familiencafé. Hier arbeiten Stadtteilmütter, die verschiedene Sprachen sprechen, darunter auch Arabisch. Deshalb ist dieser Ort bei geflüchteten Frauen sehr beliebt. Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Angebot an Kursen für Eltern und Kinder wie Babymassage, Krabbelgruppen, zweisprachige Spielgruppen, Musik, Spiel und Bewegung und vieles mehr. Es gibt eine Hebammensprechstunde. Und einmal im Monat bieten wir Ausflüge an. Zur Unterstützung bei behördlichen, sozialen und finanziellen Angelegenheiten haben wir zudem eine Sozial- und Familienberatung sowie eine Migrationsberatung für geflüchtete Personen. Und schließlich gibt es noch das Projekt der Stadtteilmütter. Diese Frauen haben eine Querschnittsfunktion und arbeiten in allen Bereichen mit.

Annett Neumann: Unter unserem Dach befindet sich zudem eine Kita mit 100 Plätzen. Wir sind eine multikulturelle Einrichtung, 60 Prozent der Kinder sind nicht-deutscher Herkunft. Darunter sind zurzeit auch elf Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die hier ins Zentrum kommen.

Sükran Topuz: Ich leite zwei Projekte: Das Projekt "Familija" bietet Unterstützung und Beratung für Familien aus Südosteuropa. Das zweite Projekt nennt sich "Integrationslots/-innen für geflüchtete Menschen" und hat die niedrigschwellige Integration geflüchteter Menschen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zum Ziel. Zu den Aufgaben gehören unter anderem die Begleitung zu Ämtern sowie Sprach- und Kulturvermittlung. Die Kolleginnen und Kollegen dort sind mehrsprachig und haben selbst eine Migrationsgeschichte. Dadurch fungieren sie als Vorbilder für die neu angekommenen Menschen, was für diese ganz wichtig ist.

Wie integrieren Sie die Kinder der Flüchtlinge in die Kita und die Eltern in die Elternarbeit?

Neumann: Zunächst sahen wir keinen Unterschied zu anderen Familien. Wir arbeiten ja ohnehin schon multikulturell. Doch dann mussten wir umdenken. Denn wir merkten, die übliche Sprachvermittlung, die Erstgespräche und unsere bisherige Art der Eingewöhnung der Kinder in die Kita reichten nicht aus. Die Eltern der Flüchtlingsfamilien müssen intensiv auf die Zeit in der Kita vorbereitet und während der Eingewöhnung mitgenommen werden.

Was muss man denn während der Eingewöhnung besonders beachten?

Neumann: Man muss bedenken: Auf der Flucht ist es die wichtigste Aufgabe, sich nicht aus den Augen zu verlieren. So entsteht ein ganz enges Band zwischen Eltern und Kindern. Und plötzlich sollen die Eltern ihre Kinder in der Kita lassen, wo niemand sie und die Kinder sprachlich versteht. Das ist für alle Seiten eine Herausforderung. Sie erfordert täglich die größte Umsicht der Kita-Kollegen. Unser großes Glück sind die Stadtteilmütter, die mit ihren Erfahrungen und Sprachkenntnissen unersetzlich sind. Beispielsweise war für uns die Reaktion eines Jungen zunächst unverständlich. Der Fünfjährige war in der Eingewöhnungszeit und fühlte sich nach einigen Tagen offensichtlich auch ohne die Mutter schon recht wohl, und so bat die Erzieherin die Mutter aus dem Raum. Als die Erzieherin die Tür des Gruppenraumes schließen wollte, reagierte der Junge aber plötzlich sehr massiv. Die Situation drohte dramatisch zu kippen, und die Mutter wurde sofort wieder zurückgeholt. Die Erzieherin interpretierte das Geschehen erst als Eingewöhnungsproblem. In einem anschließenden Gespräch mit einer Stadtteilmutter stellte sich jedoch Folgendes heraus: Die Familie war gemeinsam in Griechenland in Haft gewesen. Das Schließen von Türen löste seitdem bei dem Kind grundsätzlich derartige Reaktionen aus. Ähnliche Erfahrungen haben leider viele der geflüchteten Kinder im Gepäck.

Was wollen diese Eltern in der Regel zum Thema Kita wissen?

Neumann: Die Hauptfragen sind: "Wann kommt mein Kind in die richtige Schule?" und: "Wie schnell lernt mein Kind Deutsch?"

Was erwarten die Eltern von der Kita?

Neumann: Das ist sehr unterschiedlich. Vorrangig natürlich, dass ihr Kind deutsch lernt, zu anderen Kindern Kontakt knüpft und dass es überhaupt Bildung erhält. Wir bemerken aber auch eine große Unsicherheit der Eltern. Wenn sich die Kinder mit ihren Geschwistern plötzlich in einer Sprache unterhalten, die die Eltern noch nicht so beherrschen, fühlen sich diese in ihrer Vorbildfunktion nicht mehr "zu Hause", und es entwickelt sich manchmal ein leises Misstrauen gegenüber der neuen Lebenssituation.

Koch: Auch an dieser Stelle setzen die Stadtteilmütter an. Sie kennen sich mit den Wünschen und den Bedürfnissen der Familien aus und sprechen deren Muttersprache. In den vergangenen Jahren haben diese Frauen insbesondere mit türkischen und arabischen Familien gearbeitet, die schon länger in der Stadt leben. Seit dem letzten Jahr wenden sich auch immer mehr geflüchtete Familien an sie. Die arabisch sprechenden Stadtteilmütter sind oft ein wichtiger Anker.

Neumann: Wir informieren jetzt auch in einer Erstaufnahmeeinrichtung zum Thema Kita. Es gab beispielsweise in einer Erstaufnahmeeinrichtung das Gerücht, jede Familie bekäme für die Anmeldung in einer Kita Geld. Die Flüchtlinge hatten den Kita-Gutschein missverstanden, auf dem der Betrag zu sehen ist, mit dem der Senat den Kitaplatz bezuschusst. Diesen, vermuteten die Eltern, bekämen sie ausbezahlt. Was wiederum zeigt, wie schnell es zu Missverständnissen kommen kann.

Koch: Unsere Erfahrung zeigt, dass die Familien überwiegend sehr interessiert sind, was die Entwicklung und Bildung ihrer Kinder betrifft . So nehmen inzwischen bei der Babymassage einige geflüchtete Frauen mit ihren Neugeborenen teil. Seit dem Frühjahr bieten wir auch eine zweisprachige Spielgruppe für geflüchtete Mütter mit ihren Kleinkindern an.

Sie reden viel von Eltern und Kindern. Sind es nicht eher die Mütter?

Topuz: Ja. Das hängt auch damit zusammen, dass wir überwiegend Lotsinnen beziehungsweise Stadtteilmütter haben. Wir haben einen männlichen Integrationslotsen, der überwiegend mit den Vätern zu tun hat. Eigentlich brauchten wir in unserem Team mehr Männer, damit die geflüchteten Väter auch Ansprechpartner haben, die ihnen das Ankommen erleichtert.

Worauf legen Sie besonders Wert, wenn ein Flüchtlingskind in die Kita kommt?

Neumann: Es ist uns sehr wichtig, sowohl zu dem Kind als auch zu den Eltern ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Durch eine intensive Betreuung des Kindes, durch eine aufmerksame Beobachtung und Gespräche mit den Eltern können sich die Kollegen gut auf jedes einzelne Kind einstellen. Das erfordert jedoch eine gut strukturierte Teamarbeit. Zusätzliches Personal wird leider dafür nicht bereitgestellt, wäre aber dringend notwendig!

Sprechen die Kinder mit den Erzieherinnen über ihre Fluchterlebnisse?

Koch: Wenig. Ich denke, das ist ein Schutzmechanismus, der zu respektieren ist. Wir machen die Erfahrung, dass Malen und Zeichnen wichtige Ventile sein können, um die Erfahrungen zum Ausdruck bringen zu können.

Topuz: 2014 starteten wir in Kooperation mit der Kinderbuchillustratorin Patricia Thoma das Buchprojekt "Eine Weltreise in Berlin". Kinder aus "Willkommensklassen" haben ihre Gedanken und Erinnerungen an ihre Herkunftsländer in Zeichnungen festgehalten. Entstanden sind mittlerweile eine Ausstellung und drei Buchbände. Sie werden der sprachlichen und kulturellen Vielfalt der Kinder gerecht und sie zeigen auch Gemeinsamkeiten: Etwa, dass Kinder in Syrien auch gerne Pommes essen.

Das Interview führte Sybille Ahlers (für das Diakonie-Magazin)